Ganz mit Abstand – Nähe mit geschütztem Kern
Ich liebe intensiv, aber nie bis in den Raum, der mich wirklich öffnet. Nähe ja – der Kern bleibt geschützt.
Ich habe lange geglaubt, ich würde ganz oder gar nicht lieben. Doch das stimmt nicht. Ich liebe vollständig – aber nicht offen. Ich gebe einem Menschen Nähe, Aufmerksamkeit, Tiefe, Intensität. Ich zeige meine Oberfläche, meine Gedanken, meine Fürsorge. Aber mein innerster Raum bleibt verschlossen, selbst dann, wenn ich mich weit öffne. Es ist keine Entscheidung. Es ist ein Reflex, der älter ist als jede Beziehung. Ein System, das mich schützt, selbst wenn ich es nicht will.
Wenn mir jemand wichtig wird, gebe ich mehr, als ich aushalte. Ich öffne Türen, die andere Menschen als Vertrauen verstehen, aber keine führt bis in den Kern. Ich lasse jemanden nah an mich heran, aber niemals an den Punkt, an dem ich wirklich verletzlich bin. Ich wirke zugänglich, präsent, zugewandt – und dennoch bleibt etwas in mir unberührbar. Die Spannung entsteht genau dort: Ich gebe die Form von Intimität, die erreichbar ist, aber nicht die, die mich wirklich zeigt.
Die Nähe, die ich gebe, ist echt. Die Berührung, die ich zulasse, ist echt. Die Worte, die ich spreche, sind ehrlich. Aber das Zentrum bleibt geschützt wie ein Raum ohne Fenster. Menschen spüren das oft intuitiv. Eine Wärme, die nicht ganz durchgeht. Eine Offenheit, die irgendwo stoppt. Ein Echo, das nicht zurückkommt. Nicht weil ich es verweigere, sondern weil mein Körper entscheidet, wie tief jemand reicht. Und der Körper entscheidet härter als jedes Gefühl.
Wenn ich liebe, arbeitet in mir ein Widerspruch. Ich will Nähe, aber ich will Kontrolle. Ich will etwas geben, aber ich will nicht ausgeliefert sein. Ich will berührt werden, aber nicht geöffnet. Dieser Kampf passiert in Sekunden. Ein Blick, ein Schweigen, ein Rückzug – und mein System beginnt zu rechnen. Ich spüre sofort jede Verschiebung. Ein kleiner Abstand fühlt sich an wie eine frühe Wiederholung von etwas, das ich längst hinter mir glaubte. Je wichtiger mir jemand wird, desto stärker wird dieser Reflex. Nicht aus Misstrauen. Aus Muster.
Ganz zu lieben bedeutet für mich nicht, mich zu öffnen. Es bedeutet, alles zu geben, was nicht gefährlich ist. Präsenz. Fürsorge. Energie. Geduld. Intensität. Ich kann jemanden stützen, halten, begleiten, hören, verstehen. Ich kann mich zeigen – aber nur mit den Schichten, die ich kontrollieren kann. Die tieferen Ebenen bleiben verriegelt, nicht weil der andere sie nicht verdient, sondern weil mein System nie gelernt hat, dass sie jemand halten kann.
Gar nicht zu lieben bedeutet nicht Kälte. Es bedeutet Ruhe. Ordnung. Neutralität. Ich funktioniere sauber, wenn niemand Zugriff auf meinen Kern hat. Der Körper atmet gleichmäßiger, der Kopf bleibt klar, die Gedanken sind linear. Ich brauche dann nichts und niemanden. Nicht aus Abwehr, sondern aus Stabilität. Es ist der Zustand, in dem ich mich selbst wieder zusammenfüge. Und oft kehre ich dorthin zurück, wenn Nähe mich überfordert.
Der gefährlichste Ort liegt zwischen diesen beiden Zuständen. Eine Verbindung, die noch nicht sicher ist. Eine Nähe, die schwankt. Ein Kontakt, der warm ist, aber nicht verlässlich. In diesem Zwischenraum verliere ich Orientierung. Ich lese zu viel aus Pausen und zu wenig aus Gesten. Ich interpretiere Stille als Rückzug, Verhalten als Entscheidung, Müdigkeit als Distanz. Nicht weil ich unsicher bin, sondern weil mein Körper dort keinen Halt hat. Er reagiert schneller als jedes Gefühl, schneller als jedes Wort, schneller als jeder Versuch, ruhig zu bleiben.
Es gibt Momente, in denen ich alles geben will, auch den Kern. Aber sobald jemand zu nah kommt, spanne ich mich an. Ein kaum sichtbarer Rückzug, ein minimaler Abstand, ein gedanklicher Griff an die innere Tür. Ich merke es oft erst, wenn es vorbei ist. Wenn ein Mensch etwas in mir berührt, das nicht berührt werden darf. Dann entsteht eine Überhitzung – nicht laut, sondern in der Tiefe. Atem stockt. Sinn verengt sich. Ich überprüfe jede Regung, jedes Gefühl, jede Antwort. Nähe wird dann etwas, das ich überwachen muss, nicht etwas, dem ich vertraue.
Es wirkt nach außen widersprüchlich: Ich bin warm, aber nicht durchlässig. Ich bin offen, aber nicht vollständig anwesend. Ich bin da, aber ein Teil von mir bleibt hinter Glas. Menschen können mich erreichen, aber nicht brechen. Sie können mich sehen, aber nicht in mir stehen. Und weil kaum jemand diesen Unterschied versteht, entsteht Friktion: eine Wahrnehmung von Distanz, wo eigentlich Schutz ist, und eine Wahrnehmung von Unentschlossenheit, wo eigentlich Überforderung arbeitet.
Vielleicht ist das meine Art der Liebe: Ich gebe, was ich halten kann, und verstecke, was mich zerstören würde, wenn es jemand falsch berührt. Ich lasse Menschen nah heran, aber nicht an den Ort, an dem ich verletzlich wurde, bevor ich Sprache hatte. In diesem Raum liegen die frühen Brüche: das Heim, die Trennung, die Abwesenheit, die Scham, die Stille. Es ist der älteste Teil von mir. Der, den ich selbst kaum betrete. Und genau deshalb bleibt er zu.
Ich weiß, dass es schwer ist, mit mir Nähe zu leben. Ich gebe Intensität, aber nicht mein Innerstes. Ich gebe Zärtlichkeit, aber nicht meine tiefste Verletzlichkeit. Ich bleibe, aber nicht vollständig sichtbar. Und doch ist meine Liebe real. Sie ist präsent, loyal, tief, aber anders gebaut. Nicht als Transparenz. Sondern als Hingabe mit geschütztem Kern.
Vielleicht lerne ich eines Tages, dass der Kern nicht zerstört wird, wenn ich ihn öffne. Vielleicht lerne ich, dass es Menschen gibt, die nicht gehen, wenn sie sehen, was dort liegt. Aber bis dahin ist meine Liebe ein Paradox: groß, aber nicht grenzenlos; offen, aber nicht entblößt; nah, aber nicht ausgeliefert. Ein Körper, der gibt. Ein Kern, der bleibt.
Ich liebe weit. Aber nie bis in die Tiefe, die mich öffnen würde.
Ein Buch über das, was bleibt,
wenn alles andere fehlt.
