Was bleibt, wenn alles hält und trotzdem brennt
Ich halte, weil etwas gehalten werden muss. Nicht aus Stärke, sondern aus Gewohnheit. Der Körper bleibt wach, während innen alles leiser wird.
Ich halte mehr aus, als sich gut anfühlt, und weniger, als ich mir zutraue.
Der Körper ist schneller als jedes Denken.
Bevor Worte entstehen, spannt sich etwas im Brustraum.
Der Atem wird flach.
Nicht panisch. Funktional.
Ich merke das zuerst an den Händen.
Sie greifen nichts.
Sie halten trotzdem.
In den letzten Tagen habe ich viel getragen, ohne es zu merken.
Nicht heroisch.
Nicht freiwillig.
Einfach, weil niemand anderes da war, der es hätte tun können.
Gefühle kommen zeitversetzt.
Manchmal gar nicht.
Manchmal wie Druck, nicht wie Inhalt.
Keine Tränen. Keine Wut.
Nur dieses dichte, schwere Gleichgewicht zwischen Wachsein und Erschöpfung.
Ich funktioniere gut in Ausnahmezuständen.
Das ist keine Stärke, sondern ein gelerntes Verhalten.
Wenn es ernst wird, wird es ruhig in mir.
Klar. Präzise.
Ich weiß, was zu tun ist.
Was danach kommt, ist schwieriger.
Wenn die Systeme laufen.
Wenn andere übernehmen.
Wenn der Körper nicht mehr gebraucht wird, um zu handeln.
Dann beginnt das Zittern innen.
Nicht sichtbar.
Eher wie ein Motor, der weiterläuft, obwohl das Fahrzeug steht.
Ich habe gelernt, mit Kontrolle zu reagieren.
Struktur. Abläufe. Sprache.
Alles, was Form hat, beruhigt.
Alles, was offen bleibt, kostet Kraft.
Ich merke, wie schnell Schuldgedanken auftauchen.
Nicht laut.
Eher als Hintergrundrauschen.
Hätte ich früher. Hätte ich anders. Hätte ich mehr.
Ich kenne dieses Muster.
Es stammt nicht aus der aktuellen Situation.
Es ist älter.
Ein Reflex: Verantwortung übernehmen, um Ohnmacht nicht fühlen zu müssen.
Was mir gerade hilft, ist nichts Großes.
Kein Sinn. Keine Hoffnung.
Nur Reduktion.
Ein Satz.
Ein Atemzug.
Ein Schritt nach dem anderen.
Ich erlaube mir, nicht zu fühlen, was noch nicht fühlbar ist.
Ich zwinge nichts hervor.
Der Körper darf entscheiden, wann etwas ankommt.
Nähe zu mir selbst bedeutet im Moment nicht Wärme.
Sondern Präsenz.
Da sein, ohne zu erklären.
Ich schreibe nicht, um zu verarbeiten.
Ich schreibe, um zu messen.
Temperatur. Spannung. Tragfähigkeit.
Vielleicht ist das genug.
Für heute.
Heute reicht es, dass ich da bin und nicht verschwinde.
Ein Buch über das, was bleibt,
wenn alles andere fehlt.
