Wenn Wissen nicht reicht: Nähe, Kontrolle und ein Nervensystem unter Stress
Eine Handlung. Eine Reaktion. Eine Nacht der Reflexion. Dieser Text ist das, was bleibt, wenn der Körper sich beruhigt und der Blick klarer wird – eine ehrliche Betrachtung eines Moments, in dem Wissen nicht gereicht hat.
Ich wusste, was richtig gewesen wäre. Und habe trotzdem anders gehandelt.
Einleitung – der Irrtum vom „Genug-Verstanden-Haben“
Ich arbeite seit Monaten intensiv mit mir. Nicht als Hobby, nicht als Pose, nicht aus Neugier. Sondern weil es nötig ist. Weil es Punkte in mir gibt, an denen ich immer wieder an Grenzen stoße, die sich nicht durch Wegsehen auflösen.
Ich habe gelesen, verstanden, eingeordnet. Bindungsmuster, Nervensysteme, Triggerketten, Co-Regulation, Schamspiralen. Ich kann vieles benennen, bevor es passiert. Manchmal sogar währenddessen. Ich erkenne die Dynamiken, die sich aufbauen. Ich weiß, was sich ankündigt.
Und trotzdem gibt es diese Momente.
Momente, in denen das Wissen im Kopf bleibt und der Körper übernimmt. Dann wird Nähe nicht weich. Dann wird Nähe funktional. Ein Griff nach Halt, bevor ich falle. Ein Satz, bevor ich atme. Ein inneres „Ich muss das klären“, noch bevor ich überhaupt spüre, dass ich gerade nicht klären kann.
Hier liegt ein Irrtum, den ich lange unterschätzt habe: dass Verstehen automatisch schützt. Dass Erkenntnis gleich Kompetenz ist. Dass Monate der Selbstarbeit bedeuten, ich hätte es „im Griff“.
Ich habe es nicht immer im Griff. Und das auszusprechen ist kein Rückschritt, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme.
Ich will daraus keinen Mythos machen. Kein „so bin ich halt“. Kein Selbstmitleid. Und auch keinen Fingerzeig auf einen anderen Menschen. Was hier folgt, ist kein Beziehungsbericht und keine Abrechnung mit mir selbst.
Es ist ein Protokoll. Ein Versuch, Wahrheit nicht zu dekorieren.
Was ist passiert. Was hat es ausgelöst. Welche Mechanik war am Werk. Welche Wirkung hatte es vermutlich. Und was lerne ich daraus – nicht als Idee, sondern als Praxis.
Ich schreibe das, weil Schweigen irgendwann teurer wird. Und weil ich nicht so tun will, als wäre Entwicklung eine gerade Linie. Am Anfang dieser Entwicklung steht kein Licht, keine Lösung, kein Ziel.
Da steht ein Körper. Und ein Nervensystem, das in bestimmten Momenten noch immer glaubt, dass Nähe die einzige Form von Sicherheit ist.
Was in mir passiert ist – körperlich, nicht moralisch
Es beginnt nicht mit einem Gedanken.
Es beginnt im Körper.
Noch bevor ich etwas „will“, verändert sich etwas in mir. Der Brustraum wird enger. Die Atmung flacher. Eine innere Unruhe schiebt von hinten nach vorne, wie ein Druck, der keinen klaren Ort hat.
Es ist kein Schmerz, eher eine Verdichtung. Etwas will sich bewegen.
Gleichzeitig beschleunigt sich mein Inneres. Gedanken werden verfügbar, fast zu schnell. Worte stehen bereit, noch bevor ich überprüft habe, ob sie jetzt wirklich gebraucht werden. Es entsteht das Gefühl, dass etwas getan werden muss.
Nicht irgendwann. Jetzt.
In diesem Zustand fühlt sich Nicht-Handeln nicht neutral an. Es fühlt sich gefährlich an. Als würde Stillhalten bedeuten, etwas zu verlieren. Als würde Abwarten den Zustand verschlimmern. Nähe wird dann nicht als Begegnung erlebt, sondern als Regulierungsmöglichkeit. Etwas, das den inneren Druck senken könnte.
Das Entscheidende daran: In diesem Moment erlebe ich mich nicht als jemand, der bewusst entscheidet. Ich erlebe mich als jemand, der reagiert. Nicht panisch, nicht kopflos – aber getrieben. Die Handlung fühlt sich folgerichtig an. Stimmig. Fast ruhig. So, als würde ich etwas ordnen.
Erst danach kommt Abstand. Erst danach kommt Zeit zurück.
Dann kann ich sehen, was eigentlich passiert ist. Dass ich nicht aus Klarheit gehandelt habe, sondern aus Spannung. Dass mein Körper versucht hat, sich selbst zu beruhigen, indem er nach außen geht. Dass Nähe in diesem Moment weniger Wahl war als Funktion.
Und genau hier entsteht die Scham. Nicht sofort, sondern zeitversetzt. Sie kommt mit dem Verstehen. Mit dem Bewusstsein für Wirkung. Mit dem Wissen, dass etwas, das sich für mich in dem Moment notwendig angefühlt hat, für einen anderen Menschen zu viel gewesen sein könnte.
Diese Scham ist nicht laut. Sie schreit nicht. Sie legt sich eher wie ein Gewicht. Als würde ich mir selbst gegenüber plötzlich kritischer werden. Zweifel tauchen auf. An meinem Timing. An meiner Einschätzung. An der Frage, ob ich mit dieser Handlung etwas beschädigt habe, das mir wichtig ist.
Wichtig ist mir, das klar zu trennen: Das ist kein moralisches Versagen. Es ist auch kein „Rückfall“ im klassischen Sinn. Es ist die sichtbare Stelle, an der mein Nervensystem schneller ist als meine Fähigkeit, innezuhalten.
Solange ich diesen Unterschied nicht sauber mache, lande ich zu schnell in Selbstverurteilung. Dann wird aus Beobachtung ein Urteil. Aus Lernen ein innerer Angriff. Und genau das würde die Dynamik nur fortsetzen.
Was hier sichtbar wird, ist kein Mangel an Einsicht. Es ist eine noch nicht ausreichend verankerte Fähigkeit, Spannung im Körper auszuhalten, ohne sie sofort nach außen zu verlagern.
Das anzuerkennen ist unangenehm. Aber es ist notwendig.
Denn erst wenn ich beginne, diese Prozesse körperlich ernst zu nehmen – nicht nur gedanklich –, entsteht überhaupt die Möglichkeit, an dieser Stelle etwas zu verändern.
Warum Wissen Regulation nicht ersetzt
Ich wusste, was ich tat.
Nicht im Nachhinein, sondern im Moment selbst.
Ich kannte das Muster. Ich konnte benennen, was in mir gerade aktiviert war. Ich wusste, dass mein Nervensystem hochfährt, dass Nähe sich gerade dringlich anfühlt, dass der Impuls zu handeln weniger aus Klarheit entsteht als aus Spannung. Ich wusste sogar, dass die Wirkung auf der anderen Seite eine andere sein könnte als meine Intention.
Und trotzdem habe ich gehandelt.
Das ist der Punkt, an dem viele Erklärungen zu kurz greifen. Denn oft wird so getan, als wäre fehlende Regulation ein Wissensproblem. Als müsste man nur genug verstanden haben, genug reflektiert, genug benannt, um sich in solchen Momenten anders zu verhalten.
Das stimmt nicht.
Wissen ist kognitiv. Regulation ist körperlich.
Und zwischen beiden liegt eine Lücke, die man nicht einfach überbrücken kann, indem man sie erkennt.
Ein Nervensystem reagiert nicht auf Einsicht. Es reagiert auf empfundene Sicherheit oder deren Abwesenheit. Wenn Sicherheit innerlich wegbricht, greift das System auf Strategien zurück, die sich früher bewährt haben. Unabhängig davon, ob sie heute noch passend sind.
In meinem Fall ist eine dieser Strategien Nähe. Kontakt. Klärung. Das Gefühl, nicht allein mit der Spannung zu bleiben. Diese Strategie hat lange funktioniert. Sie hat Verbindung geschaffen, Beruhigung, manchmal sogar Wachstum. Aber sie hat auch eine Kehrseite, besonders dann, wenn das Gegenüber selbst unter Druck steht oder Rückzug als Schutz braucht.
Das Wissen darum ändert zunächst nichts an der Reaktion selbst. Es kann sie begleiten, aber nicht stoppen. Dafür braucht es etwas anderes: eine verlässliche Fähigkeit, die entstehende Spannung im Körper zu halten, ohne sie sofort aufzulösen.
Und genau dort liegt für mich noch Lernraum.
Ich kann erkennen, was passiert. Ich kann es benennen. Ich kann es später einordnen. Aber in bestimmten Momenten fehlt mir noch die innere Verzögerung. Der Raum zwischen Impuls und Handlung, in dem Wahl möglich wäre.
Das ist keine Ausrede. Es ist eine präzise Beschreibung.
Solange ich glaube, dass Wissen gleichbedeutend mit Können ist, setze ich mich selbst unter Druck. Dann wird jeder Moment, in dem mein Nervensystem übernimmt, zu einem Beweis dafür, dass ich „es nicht richtig mache“. Das verstärkt die Scham und erhöht wiederum die Spannung – ein Kreislauf, der sich selbst erhält.
Erst wenn ich akzeptiere, dass Regulation ein Trainingsprozess ist und kein Erkenntniszustand, kann ich anfangen, realistisch mit mir zu arbeiten. Nicht gegen mein Nervensystem, sondern mit ihm.
Das bedeutet auch, mir einzugestehen, dass manche Fähigkeiten Zeit brauchen. Wiederholung. Scheitern. Korrektur. Nicht als moralische Prüfung, sondern als körperliches Lernen.
Ich bin nicht dort, wo ich hinmöchte.
Aber ich bin auch nicht mehr dort, wo ich war.
Und diese Differenz ernst zu nehmen, ohne sie zu beschönigen, ist Teil der Arbeit, die jetzt vor mir liegt.
Nähe als Beruhigungsversuch – nicht als Wahl
Nähe ist für mich kein neutrales Feld.
Sie ist aufgeladen. Bedeutend. Körperlich spürbar.
In ruhigen Momenten ist Nähe weich. Offen. Ein Angebot, das ich machen oder annehmen kann. Sie entsteht aus Präsenz, nicht aus Dringlichkeit. In diesen Momenten fühlt sie sich wie Verbindung an.
Unter Stress verändert sie ihr Charakter.
Dann wird Nähe funktional. Nicht im Sinne von unehrlich, sondern im Sinne von zweckgerichtet. Sie dient nicht mehr primär der Begegnung, sondern der Reduktion innerer Spannung. Kontakt wird zu einem Mittel, um etwas in mir zu beruhigen, das sich gerade nicht selbst halten kann.
Das ist der Punkt, an dem Nähe ihre Unschuld verliert.
Von außen kann sie immer noch liebevoll aussehen. Aufmerksam. Zugewandt. Sorgsam formuliert. Aber innen ist sie getrieben. Sie trägt eine Erwartung in sich – nicht unbedingt bewusst, aber wirksam. Die Erwartung, dass sich etwas löst. Dass sich etwas beruhigt. Dass etwas zurückkommt.
Und genau hier beginnt die Verschiebung von Wahl zu Notwendigkeit.
Solange Nähe eine Wahl ist, ist sie frei.
Sobald sie notwendig wird, entsteht Druck.
Dieser Druck muss nicht ausgesprochen werden. Er liegt in der Intensität, im Timing, in der Unfähigkeit zu warten. Er zeigt sich darin, dass Abstand schwer auszuhalten ist. Dass Nicht-Reaktion als Leerstelle empfunden wird. Dass Klarheit schneller gebraucht wird, als sie entstehen kann.
In meinem Fall ist dieser Übergang fließend. Ich merke oft erst im Nachhinein, dass Nähe in diesem Moment weniger Einladung war als Intervention. Dass ich etwas stabilisieren wollte – in mir – und dabei übersehen habe, dass Stabilisierung nicht immer synchron passiert.
Das Schwierige daran: Der Wunsch nach Nähe ist real. Die Zuwendung ist ehrlich. Das Engagement ist nicht gespielt. Und trotzdem kann die Wirkung eine andere sein als beabsichtigt.
Für ein Nervensystem, das selbst unter Spannung steht, kann diese Form von Nähe nicht als Halt erlebt werden, sondern als zusätzliche Anforderung. Als etwas, das beantwortet werden muss. Eingeordnet. Erwiedert. Reguliert.
Dann kippt das, was als Liebe gedacht war, in Überforderung.
Das zu erkennen ist schmerzhaft.
Nicht, weil es die eigene Zuneigung infrage stellt, sondern weil es zeigt, dass Liebe allein kein Garant für Sicherheit ist. Dass Nähe ohne innere Wahlfreiheit – auf beiden Seiten – kein verbindender Raum mehr ist, sondern ein enger.
Wenn ich mir diesen Mechanismus ehrlich ansehe, wird klar: Die eigentliche Arbeit beginnt nicht beim Kontakt, sondern davor. In dem Moment, in dem ich spüre, dass Nähe gerade etwas von mir lösen soll, was ich noch nicht selbst halten kann.
Dort liegt der Punkt, an dem ich lernen muss, innezuhalten. Nicht, um mich zu bestrafen oder zu entziehen, sondern um die Qualität meiner Zuwendung zu schützen. Für mich. Und für den anderen.
Die Kollision zweier Nervensysteme
Wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, treffen nicht nur Gedanken, Geschichten oder Absichten aufeinander. Es treffen zwei Nervensysteme aufeinander. Zwei unterschiedliche Arten, Spannung wahrzunehmen, zu verarbeiten und zu regulieren.
Solange beide Systeme ausreichend Kapazität haben, bleibt diese Unterschiedlichkeit oft unsichtbar. Dann kann Nähe fließen, Rückzug wird nicht als Bedrohung erlebt, und Missverständnisse lassen sich klären, ohne dass sie eskalieren.
Unter Stress ändert sich das.
Ein Nervensystem sucht dann Aktivität, Kontakt, Klärung. Das andere braucht Reduktion, Abstand, Ruhe. Beide Strategien sind nicht falsch. Sie dienen demselben Zweck: Sicherheit wiederherzustellen. Aber sie tun es in entgegengesetzte Richtungen.
Genau hier entsteht die Kollision.
Was für das eine System wie ein Angebot wirkt, wird für das andere zur Zumutung. Was als Dasein gemeint ist, wird als Druck erlebt. Was als Bitte um Verbindung gedacht ist, fühlt sich wie eine Erwartung an, reagieren zu müssen.
Diese Dynamik ist tückisch, weil sie sich gegenseitig verstärkt. Je mehr das eine System Nähe sucht, desto stärker zieht sich das andere zurück. Je größer der Rückzug, desto dringlicher wird der Wunsch nach Kontakt. Ein Kreislauf, der nicht aus mangelnder Zuneigung entsteht, sondern aus inkompatibler Regulation unter Belastung.
In solchen Momenten geht es nicht mehr um Inhalte. Nicht darum, was gesagt wird oder wie gut es formuliert ist. Es geht um das Gefühl, ob ich bleiben darf, ohne etwas leisten zu müssen. Ob ich Raum habe, ohne Verantwortung für den Zustand des anderen zu übernehmen.
Wenn dieser Raum fehlt, wird selbst Zuwendung schwer.
Das Bittere daran ist, dass beide Seiten oft dasselbe wollen: Entlastung. Beruhigung. Sicherheit. Und doch bewegen sie sich unbewusst voneinander weg, weil ihre Systeme unterschiedliche Wege dorthin kennen.
Diese Erkenntnis ist ernüchternd. Sie nimmt dem Geschehen die Dramatik, aber auch die Illusion, man müsse nur „richtig“ handeln oder besser erklären. In einer solchen Konstellation reicht guter Wille nicht aus. Selbst Liebe nicht.
Was fehlt, ist ein gemeinsamer Takt. Ein Rhythmus, in dem Nähe und Abstand nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich ergänzen können.
Solange dieser Takt nicht gefunden ist, bleibt jede Annäherung fragil. Und jeder Rückzug wird schneller als Ablehnung interpretiert, obwohl er Schutz meint.
Diese Kollision zu verstehen, heißt nicht, sie aufzulösen. Aber es verhindert, sie zu personalisieren. Sie ist kein Beweis von Unfähigkeit oder Boshaftigkeit. Sie ist ein strukturelles Phänomen, das sichtbar wird, wenn Belastung hoch ist und Kapazitäten begrenzt sind.
Erst wenn ich das anerkenne, kann ich beginnen, Verantwortung an der richtigen Stelle zu übernehmen: nicht beim anderen, sondern bei meiner Art, mit Spannung umzugehen, wenn Verbindung nicht verfügbar ist.
Scham nach der Handlung – kein Beweis von Schuld, sondern von Bewusstsein
Die Scham kommt nicht im Moment der Handlung.
Sie kommt danach.
Sie setzt ein, wenn der Körper sich wieder beruhigt hat. Wenn der innere Lärm leiser wird. Wenn Abstand entsteht zwischen dem, was passiert ist, und dem, was ich jetzt sehen kann. Erst dann öffnet sich der Raum für Bewertung.
Diese Scham fühlt sich nicht explosiv an. Sie ist eher schwer. Still. Sie legt sich auf das, was war, und färbt es nachträglich ein. Gedanken tauchen auf, die rückwärts schauen:
Hätte ich das anders machen können?
War das zu viel?
Habe ich etwas beschädigt?
Wichtig ist mir, diese Scham nicht vorschnell als etwas Negatives abzutun. Sie ist kein Zeichen dafür, dass ich grundsätzlich falsch gehandelt habe oder dass meine Intentionen fragwürdig waren. Sie ist ein Zeichen dafür, dass mir Wirkung nicht egal ist. Dass ich Verantwortung empfinde – auch für das, was unbeabsichtigt entstanden ist.
Problematisch wird Scham erst dann, wenn sie kippt. Wenn sie nicht mehr informiert, sondern anklagt. Wenn aus "Ich sehe, dass etwas nicht stimmig war" ein "Ich bin nicht stimmig" wird. An diesem Punkt beginnt Selbstverurteilung, und mit ihr verliert die Scham ihren konstruktiven Kern.
In meinem Fall ist diese Grenze schmal. Die Tendenz, mich nach solchen Momenten kritisch zu betrachten, ist stark. Zweifel schleichen sich ein: an meiner Entwicklung, an meiner Fähigkeit zu lernen, an der Idee, dass es überhaupt besser werden kann. Scham wird dann zum Nährboden für alte Überzeugungen, die wenig mit dem aktuellen Geschehen zu tun haben.
Deshalb ist es entscheidend, Scham funktional zu lesen. Nicht als Urteil, sondern als Marker. Sie zeigt mir, wo meine Werte liegen. Wo mir Verbindung wichtig ist. Wo ich sensibel reagiere, weil mir etwas nicht gleichgültig ist.
Gleichzeitig zeigt sie mir eine Grenze: Ich habe gehandelt, bevor mein Nervensystem ausreichend reguliert war. Nicht aus Bosheit, sondern aus Überforderung. Diese Erkenntnis ist unangenehm, aber sie ist ehrlich.
Wenn ich es schaffe, die Scham an dieser Stelle zu halten – weder sie zu verdrängen noch mich in ihr zu verlieren –, entsteht Lernraum. Dann wird sie zu einem Signal, nicht zu einer Strafe. Zu einer Einladung, genauer hinzusehen, was ich beim nächsten Mal früher bemerken muss.
Scham zeigt mir nicht, dass ich gescheitert bin.
Sie zeigt mir, dass ich wahrnehme.
Und Wahrnehmung ist die Voraussetzung für Veränderung.
Was sich verändert hat – und was noch nicht
Es wäre unehrlich zu behaupten, dass sich nichts verändert hat.
Das stimmt nicht.
Ich reagiere heute bewusster als früher. Ich erkenne Muster schneller. Ich kann benennen, was in mir passiert, oft schon während es geschieht. Ich weiß, welche Dynamiken mich anfällig machen für Überreaktionen, für Dringlichkeit, für den Impuls, Nähe herstellen zu wollen, bevor ich innerlich ruhig bin.
Das ist ein Fortschritt. Und er ist real.
Gleichzeitig wäre es ebenso unehrlich zu behaupten, dass diese Veränderungen ausreichen. Dass Einsicht automatisch Stabilität erzeugt. Dass Erkenntnis schon bedeutet, dass ich in jeder Situation anders handeln kann.
Das kann ich nicht.
Was sich verändert hat, ist mein Blick auf das Geschehen.
Was sich noch nicht ausreichend verändert hat, ist meine Fähigkeit, in bestimmten Momenten innezuhalten.
Ich kann sehen, dass mein Nervensystem hochfährt. Aber ich kann es noch nicht immer rechtzeitig abbremsen. Ich erkenne den Impuls, doch die Schwelle zwischen Erkennen und Nicht-Handeln ist noch zu schmal. Manchmal reicht sie nicht.
Das anzuerkennen ist schwer, weil es dem Wunsch widerspricht, „weiter“ zu sein. Es kratzt am Selbstbild des reflektierten, lernenden Menschen. Es konfrontiert mich mit der Tatsache, dass Entwicklung nicht linear verläuft, sondern in Schichten. Und dass manche Schichten tiefer sitzen als andere.
Was sich ebenfalls verändert hat, ist meine Haltung zur Verantwortung. Früher hätte ich solche Situationen entweder rationalisiert oder mich vollständig verurteilt. Heute kann ich differenzieren. Ich kann sehen, dass mein Anteil real ist, ohne ihn absolut zu setzen. Dass Wirkung existiert, ohne dass daraus Schuld werden muss.
Was noch fehlt, ist Verlässlichkeit in der Umsetzung. Die Fähigkeit, nicht nur im Nachhinein zu verstehen, sondern im Moment selbst eine Pause zu setzen. Den Impuls nicht als Feind zu bekämpfen, sondern ihn zu bemerken und stehen zu lassen.
Das ist kein Mangel an Willen. Es ist ein Trainingsfeld.
Veränderung zeigt sich nicht daran, dass nichts mehr passiert.
Sie zeigt sich daran, wie ich mit dem umgehe, was passiert.
Und an dieser Stelle bin ich noch unterwegs.
Was ich weiter lernen möchte
Ich möchte lernen, früher zu stoppen.
Nicht erst bei der Handlung, sondern davor.
Dort, wo sich im Körper die erste Enge zeigt. Dort, wo der Drang entsteht, etwas zu ordnen, zu sichern, zu klären. Ich möchte lernen, diesen Moment nicht sofort als Aufforderung zu verstehen, etwas zu tun, sondern als Information darüber, dass mein System gerade Unterstützung braucht – von mir selbst.
Das bedeutet, Spannung auszuhalten, ohne sie sofort aufzulösen. Nicht jede innere Bewegung verlangt nach einer äußeren Reaktion. Nicht jeder Impuls ist ein Auftrag. Manchmal ist er nur ein Signal dafür, dass etwas gesehen werden will, bevor es gestaltet werden kann.
Ich möchte lernen, Nähe als Wahl zu leben, nicht als Notwendigkeit. Nähe verliert ihre Qualität, wenn sie aus Angst entsteht. Sie wird schwer, auch wenn sie gut gemeint ist. Dafür brauche ich die Fähigkeit, Abstand nicht als Verlust zu interpretieren, sondern als Raum, in dem sich Dinge ordnen können – auch wenn sich das zunächst leer oder schmerzhaft anfühlt.
Ein weiterer Punkt ist Klarheit. Ich neige dazu, sie zu suchen, wenn sie innerlich noch nicht vorhanden ist. Dann versuche ich, im Außen eine Antwort zu bekommen auf etwas, das ich in mir noch nicht halten kann. Ich möchte lernen, diese Suche zu verlangsamen. Zu akzeptieren, dass manche Fragen Zeit brauchen und dass erzwungene Klarheit oft mehr zerstört als sie klärt.
Was ich ebenfalls lernen möchte, ist Geduld mit mir selbst. Nicht im Sinne von Nachsicht, sondern im Sinne von realistischer Einschätzung. Mein Nervensystem hat über Jahre bestimmte Strategien gelernt. Es wird Zeit brauchen, andere zu etablieren. Rückschritte sind kein Beweis von Scheitern, sondern Teil dieses Umlernens.
Vor allem aber möchte ich lernen, meinem Körper früher zuzuhören als meinen Gedanken. Gedanken erklären. Der Körper meldet. Wenn ich diese Reihenfolge nicht beachte, gerate ich immer wieder in dieselbe Dynamik: verstehen, handeln, bereuen.
Diese Arbeit ist unbequem. Sie verlangt, dass ich mich dort aufhalte, wo es keine schnellen Lösungen gibt. Aber genau dort entscheidet sich, ob meine Entwicklung tragfähig wird – für mich und für jeden Menschen, dem ich begegne.
Kein Fazit – sondern ein offener Punkt
Ich schreibe diesen Text nicht, um etwas abzuschließen.
Nicht, um einen Punkt zu setzen oder eine Lehre zu formulieren.
Was hier sichtbar wird, ist kein Ende, sondern eine offene Stelle. Eine, die ich nicht zuschütten möchte, nur um sie erträglicher zu machen. Sie gehört zu mir, so wie ich gerade bin: lernend, suchend, nicht fertig.
Es wäre bequem, diesen Text mit einer Lösung zu beenden. Mit einem Versprechen an mich selbst oder mit einem optimistischen Ausblick. Aber das würde dem, was hier beschrieben ist, nicht gerecht.
Entwicklung verläuft nicht sauber. Sie hinterlässt Ränder.
Was bleibt, ist die Aufgabe, mit diesen Rändern verantwortungsvoll umzugehen. Mich nicht an ihnen zu verhärten und mich auch nicht in ihnen zu verlieren. Zu akzeptieren, dass es Bereiche in mir gibt, die langsamer lernen als mein Verstand.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich entscheidet, ob Veränderung nachhaltig wird. Nicht dort, wo ich alles richtig mache, sondern dort, wo ich merke, dass ich es noch nicht kann – und trotzdem bei mir bleibe.
Ich halte diesen offenen Punkt aus.
Nicht, weil er angenehm ist, sondern weil er wahr ist.
Und ich stelle mir eine Frage, die im Moment keine Antwort braucht:
Wie bleibe ich in den Momenten, in denen mein Nervensystem übernimmt, bei mir – ohne mich danach selbst zu verlieren?
Ein Buch über das, was bleibt,
wenn alles andere fehlt.
